Kunsttherapie

Anthroposophische Kunst-Therapie in Schule und Umfeld

Eine Zusammenstellung von Beate-Maria Platz
Von einigen PionierInnen im Kontext der Anthroposophischen Medizin im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts entwickelt, sind mittlerweile verschiedene Methoden entstanden, die einander im gemeinsamen Menschenbild begegnen und sich weltweit in vielen Tätigkeitsfeldern, Kliniken, Schulen, freien Einzel- und Gemeinschafts-Praxen und in der Heilpädagogik etabliert haben. Auch in unserer Schule wird Kunsttherapie durch Konstanze Reiner-Friedl im Förderunterricht und durch Beate-Maria Platz im schulnahen Kontext angeboten. Es handelt sich um eine Vorgangsweise, die Menschen jeden Alters anzusprechen und zu bewegen vermag.

Die Kunst im therapeutischen Kontext ist einerseits Spielwiese bzw. Experimentierfeld (Spiegel) und andererseits Heilmittel. Das Spielen mit Farben, Tonerde usw. im Außen ist ein Wechselspiel von Ausdruck und Eindruck. Inneres Erleben und Sosein wird ausgedrückt; das Entstehende und Entstandene im Werk kommt als Wirkendes wieder zurück. Die therapeutische Intervention steht an dieser Schnittstelle.

Körperliche Erkrankungen haben oftmals seelische Ursachen. An den Seelengewohnheiten darf gerüttelt, neue dürfen erübt werden. Im Arbeiten mit künstlerischen Materialien können Unerhörtes oder Ungedurftes probiert, Ersehntes erprobt, vergessene Seelenanteile mit ins Spiel gebracht werden; da ist Erleben, Erspüren, Empfinden, Entdecken. Im ständigen Wechsel zwischen Eintauchen, Im-Fluss-sein und Distanznehmen erwachen die Empfindung und die Erkenntnis.

Sich ausprobieren: aus der Enge in die Weite, aus der Zerfahrenheit in die Einfachheit, aus dem Zerfließen in die Struktur, aus der Starre in die Atmung,… So können Muster des Selbstbildes verändert werden; Atmung und Fließen können an die Stelle von Festhalten des eigenen Leides treten. Während des spielenden Arbeitens kann das Urteil über die eigene Situation losgelassen werden; dieses Loslassen kann sich im Alltag etablieren.

Ein Kunstwerk setzt eine Bewegung in uns in Gang, die uns bestenfalls wohl tut oder auch uns anregt zu einer geänderten Verfassung – oder uns Einfälle vermittelt. Wir spüren, es gefällt uns oder es zieht uns an, vielleicht auch, indem es uns vermeintlich abstößt. Wir schauen, tasten, greifen gern noch einmal hin, diesmal genauer. Und wir entdecken Neues, gestalten um. Es ist ein Prozess, eine Auseinandersetzung. Indem wir Materie gestalten, gestalten wir uns selbst. Wir erfahren unseren inneren Reichtum, unsere innere Beweglichkeit. Solche Vorgänge betreffen unsere Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Empfindungen, Gefühle und auch unsere Taten.

Wir wirken über den Willen verändernd in unser Selbstbild, unsere Gewohnheiten und verändernd bis in unseren Alltag hinein. Die Kunsttherapeutin regt diesen Prozess an und begleitet ihn einfühlsam.

Unsere Grundlagen als KunsttherapeutInnen

Unter Therapie verstehen wir KunsttherapeutInnen die Begleitung im Dienste von Heil-Werden. Die Kommunikation spielt sich zwischen nonverbal und prozessorientiert ab. Wir verstehen Krankheit und Krisen als eine Herausforderung, neue Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Dabei arbeiten wir ressourcenorientiert und regen die Selbstheilungskräfte an.

Kunst ist Ausdruck, die individuelle Antwort des Menschen auf das, was von außen auf ihn zukommt. Sie ist sinnlich-übersinnlich (Goethe): sinnlich, insofern sie sich eines Mediums bedient (Holz, Leinwand, Instrument, Leib), um in Erscheinung zu treten, übersinnlich ihrem eigentlichen Inhalt nach. Insofern teilen wir die Einsicht, die Joseph Beuys geprägt hat, dass „jeder Mensch ein Künstler“ ist.

Anthroposophisches Menschenverständnis ist die Basis des in der Beziehung zwischen Therapeut und Patient entstehenden Entwicklungs-Prozesses. Wir begreifen den Menschen als ein komplexes Ganzes, in dem Körper, Seele und Geist eine einmalige Synthese bilden. Ist diese in ihrem stimmigen Gleichgewicht kreiert, fühlen wir uns gesund, werden wir heil.

Mal dich gesund!

Die Salutogeneseforschung zeigt auf, was gesundheitsfördernd ist: Ernährung, Schlaf, frische Luft, eine positive Lebenseinstellung, tragende Beziehungen, geglücktes Zeitmanagement, ein erfüllendes Berufsleben. Ganz wichtig ist auch ein kreativer Zugang zu sich selbst und der Umwelt.

Kinder verarbeiten ihre Erfahrungen im Spielen. Erwachsene können es wieder erüben. In Musik, Eurythmie, Tanz, Sprache, Malen, Zeichnen, Formen, Theaterspielen… Hier findet eine neue Form der Selbstentdeckung, Selbstentwicklung und Selbstdefinierung statt. Jenseits von Leistungsdruck oder intellektuellem Ballast erschließt sich ein neuer „Spiel“- Raum. KunsttherapeutInnen begleiten mit dem Werkzeug ihrer Kunst und ihrem Verständnis von komplexen Zusammenhängen dieses „weise“ Spiel.

Einseitigkeiten können im Frühstadium aufgelöst werden. Für jeden Menschen ist es gesundheitserhaltend und -fördernd, sich in einer Kunstrichtung zu erfahren. In der Waldorfpädagogik werden die künstlerischen Tätigkeiten täglich geübt und erfahren. Was aber, wenn bereits eine Krankheit vorliegt? Was vermag Kunsttherapie? In Zusammenarbeit mit der (Schul-)Ärztin initiieren die KunsttherapeutInnen das heilsame Integrieren der Kräfte: Der Kranke oder die Schülerin „malt sich gesund“.

Rein schulmedizinisch werden Therapieformen, die auch den geistigen Aspekt des Menschen mit einbeziehen, bislang kaum anerkannt. So hat auch die Kunsttherapie noch nicht den ihr gebührenden Platz im Bereich der therapeutischen Methoden. Die Behandlungserfolge der Kunsttherapie sprechen für sich..

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